David Carradine über Kung Fu als Fitness-Programm
Der amerikanische Filmschauspieler David Carradine erlebte in den siebziger Jahren einen großen Erfolg durch die international bekannte Fernsehserie "Kung Fu". Hier berichtet er, welche Bedeutung Kung Fu für ihn hat.
"Kung Fu ist seit jeher ein Symbol für Anmut, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Weisheit. Allerdings wurde der wahre Sinn dieser Kunst in den letzten Jahren häufig mißverstanden. Denkt man an Kung Fu, tauchen meist Bilder von miteinander ringenden Kämpfern auf, die ihre Kräfte in tödlichen Duellen messen.
Aber der eigentliche Grund warum diese Kunst vor 2500 Jahren entstand, war nicht die Selbstverteidigung, sondern die vollkommene Selbstverwirklichung. Die Mönche in den alten Shao Lin-Tempeln suchten einen Weg, ihren Körper während der langen Meditationen besser beherrschen zu können. Sie kombinierten die Technik der Geistesdisziplin mit fließenden Körperbewegungen. Die Macht dieser Kombinationen ließ sie nicht nur zu den weisesten Gelehrten, Philosophen und Lehrern ihrer Zeit werden, sie wurden auch die berühmtesten Kämpfer.
Weil viele von uns den ganzen Tag sitzen, wie die alten Shao Lin-Mönche, haben unsere Körper ihre natürliche Kraft und Geschmeidigkeit verloren. Aber schlimmer noch - die täglichen Belastungen und Anspannungen lassen unsere Körper immer mehr verkrampfen.
Aus Erfahrung weiß ich viel über Streß. Ich muß mich erst vom Streß befreien, um wieder kreativ sein zu können - sei es als Autor, Schauspieler, bei Kung Fu oder irgendeiner meiner anderen Tätigkeiten. Niemand kann den Streß ganz vermeiden, aber wir können verhindern, daß er uns Schaden zufügt - unserem physischen und seelischen Wohlbefinden.
Wir sollten uns wieder mehr auf die Natur besinnen. Die alten Chinesen begründeten Kung Fu auf den Bewegungen der Tiere und der Elemente. Sie entdeckten die Kraft des Bären, die Anmut der Katze und die Schnelligkeit der Schlange. Sie beobachteten, wie mühelos sich diese Tiere bewegen, und indem sie sie nachahmten, vervollkommneten sie ihre Kraft, Balance und Koordination.
So gewannen sie neue Einsichten in das Wesen der Natur. Sie nutzten dieses Wissen, um ihre mentale Kraft zu festigen. Sie erfuhren eine neue Klarheit der Gedanken und konnten Streß und Druck abbauen. Schließlich wurden sie eins mit ihrem Körper und mit ihrem Geist und entfesselten auf diese Weise ungeahnte Fähigkeiten.
Durch diese Verbindung von Körper und Geist entwickelten die Mönche eine Lebensphilosophie, die in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen stand. Aus Agressivität wurde Sanftmut, aus Manipulation wurde Empfindsamkeit und aus Widerstand wurde Akzeptanz. Geist, Körper und Seele wurden eins und verschmolzen mit der Natur.
Kung Fu verlieh eine derartige Überlegenheit, daß sich jahrhundertelang die Sifus, die großen Meister dieser Kunst, weigerten, sein Geheimnis preiszugeben. Aber vor kurzer Zeit haben fortschrittliche Sifus Kung Fu der westlichen Welt zugänglich gemacht. Sie haben erkannt, daß seine große Weisheit überall auf der Welt verbreitet werden muß.
Als ich an der Fernsehserie "Kung Fu" arbeitete, habe ich Sifu Kam Yuen kennengelernt. Er war unser technischer Berater. Ich habe in dieser Serie einen Kung Fu-Mönch gespielt und Kam half mir dabei. Er zeigte mir die Kung Fu-Bewegungen, die ich natürlich beherrschen mußte. Was noch wichtiger war: Er zeigte mir, wie Kung Fu auf alle Aspekte des Lebens übertragen werden kann. Er wurde mein Sifu und noch heute entdecke ich immer neue Möglichkeiten, die Prinzipien von Kung Fu anzuwenden."